TAKTISCHES UNVERMÖGEN

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TAKTISCHES UNVERMÖGEN

Beitrag von EINsamer wANDERER am Mo Jul 31, 2017 8:39 pm

Vor einem dreiviertel Jahr habe ich mir das Buch "Lord Limbus" gekauft. Es war eine von mir gewollte Abweichung meiner sonstigen Lektüre, die sich eher auf Klassiker bezog, um meinen Horizont und mein Können zu erweitern. Ich wollte nämlich herausfinden, ob es irgendwelche nennenswerten Neuerungen im Fantasy-Genre gegeben hatte, seitdem ich mich aus der aktuellen Lektüre zurückgezogen hatte und da ich sowieso eine gewisse Sympathie für Geschichten über Untote hege, konnte ich mir den Kauf einfach nicht verkneifen. Letztenendes kam ich zu dem Schluss, dass sich eigentlich nichts verändert hatte, aber mich hat die Herangehensweise des Autoren sehr gestört mit welcher er an die Geschichte herangegangen war.
Dort ging es nämlich um einen Erzmagier namens Reuben. Seine Vorgeschichte ist eigentlich recht schnell erzählt. Ein Mann mit mächtiger Magie, politischem Einfluss und militärischer Befehlsgewalt zieht sich in ein Dorf im Nirgendwo zurück, weil eine Operation schiefgegangen war und er den Verlust seiner Kameraden (insbesondere einer) nicht verkraftete. Irgendwann gibt es eine Invasion von einem Kriegervolk und das Dorf fällt ihm recht zu Anfang des Feldzuges zum Opfer, wobei jeder Mann, jede Frau und jedes Kind stirbt. Irgendwann viele Jahre später kommt der Erzmagier als Lich wieder zurück und will Rache üben.
Soweit so unspektakulär. Der Kerl will eine ganze Rasse vernichten. So etwas ist eigentlich immer cool. Blöd wird es nur dann, wenn der Autor es blöd anstellt. Es gibt da nämlich einen ziemlich großen Widerspruch und der befindet sich bereits in der Hintergrundstory des Protagonisten. Er soll angeblich ein Befehlshaber sein, hat allerdings nicht die geringste Ahnung von Dingen wie Taktik. Nehmen wir doch einfach mal den Umstand, dass sich seine Magie durch die Verwandlung in einen Untoten verändert hat. Manche Zauber funktionieren, manche sind verändert und andere Sprüche funktionieren überhaupt nicht. Der Kerl kommt nicht auf den Trichter sich erst einmal an seine neue Lage zu gewöhnen und anzupassen. Man muss sich mal überlegen, dass er in einen Krieg zieht und seine mächtigste/wichtigste/einzige Waffe hat eine Dysfunktion und arbeitet jetzt völlig anders. Ich muss kein Offizier sein, um mir zu denken, dass es eine absolut idiotische Idee ist seine Waffe erst in der Schlacht zu erproben. Klar, ich würde mich auch in eine Kampfsituation begeben, um die Fähigkeiten praktisch zu erproben, aber dann würde ich mir ein paar abgeschiedene Räuber suchen oder so etwas. Aber nein, der Kerl probiert die Zauber mal ebenso spontan aus, wie er lustig ist, ohne auch nur ein einziges Mal sein Hirn zu benutzen. Reuben merkt beispielsweise auch, dass es unterschiedliche Arten von Untoten gibt, die er befehligt, doch ihn interessiert es nicht, wie diese funktionieren - was ihre Stärken und Schwächen sind. Apropos Schwäche, der Kerl findet sich zum Anfang einer Story in einer anderen Welt wieder und geht später durch ein Portal in seine alte Welt - allein! Er weiß noch nicht was ihn erwartet als er beschließt einfach mal das Portal zu durchschreiten und hält es für eine gute Idee ohne Rückendeckung einfach mal ins Unbekannte aufzubrechen. Die wichtigste Grundlage auf der Strategien und Pläne aufbauen sind Informationen, dass weiß sogar so ein Vollpfosten wie ich. Ich tue die Dinge doch nicht einfach, weil ich gerade Bock darauf habe und riskiere damit mein Ziel nie zu erreichen. Aber es wird noch sehr viel besser. Er findet sich in einer Stadt wieder und fängt irgendwann an das Kriegervolk wahllos niederzumetzeln, um seinen Rachedurst zu stillen und seine Kräfte etwas zu erproben. Nebenbei findet er auch eine neue Schwachstelle der Untoten: UV-Strahlung. Sie tötet sie zwar nicht, lässt sie allerdings ziemlich effektiv leiden, sodass Angriffe am Tage nicht infrage kommen. Jedenfalls flieht er aus der Stadt, weil dort natürlich Panik ausbricht. Später beschwört er ein paar Untote, um wieder in die Stadt einzudringen, weil dort das Tor ist, welches ihn zurück in den Limbus bringt. Bei all dem macht er mit der Priesterkaste Bekanntschaft, welche einige ziemlich effektive Zauber gegen Untote besitzt, von denen er noch überhaupt nichts wusste. Danach stellt er auch noch fest, dass er "ausversehen" den Limbus zerstört. Da es sich hierbei um einen Ort des Vergessens handelt, darf niemand wissen, dass es ihn gibt, sonst zerstört sich der Limbus selbst und das ganze vergessene Gerümpel (wie Reuben + Dorfbewohner) wird vernichtet. Und wie der Zufall es so will hat jemand Reuben und die Reste seiner Armee durch das Portal marschieren sehen. Wieso ich Reste sage? Der Typ hat viele seiner neuen Untoten bei einem Frontalangriff auf die Stadt verloren, weil er sich keine subtilere List ausdenken konnte. Jedenfalls beruhigt sich der Limbus nach der Zerstörung wieder und alles ist wie vorher, nur leerer. Später findet Reuben dort jedenfalls ein großes Schiff und macht es wieder Fahrtauglich, ehe der Limbus sich auflöst, segelt damit zusammen mit seinen Untoten zurück in die sterbliche Welt und setzt Kurs Richtung Hauptstadt des verhassten Feindes. Dank einer Nebenfigur kann er zudem im Nebel segeln, weshalb die Sonne ihnen nicht so viel schadet. Nebenbei hat er noch zwei Sklavenkinder gefunden, welche die Tagschicht übernehmen. Er segelt einige Zeit so vor sich her und sinniert über seine neue Existenz nach. Er unternimmt noch nicht einmal den Versuch eine vernünftige Strategie oder Gegenmaßnahmen für die Schwachstellen seiner Gattung zu finden. Ich muss allerdings zugeben, dass die Stelle wo er mit seinem Geisterschiff einfach so in den Hafen hinein segelt, dabei die Hälfte der Anlage zerstört und dann seine Untoten aus der Deckung schickt, nachdem die Gegner nahe genug an das Schiff getreten waren, ein ziemlich cooler Moment war. Das ist allerdings auch der einzige Moment wo er mal taktisches Geschick zeigt. Seine Diener haben eine Aufstellung und Befehle wann sie anzugreifen haben. Später geht es allerdings genauso dusselig weiter. Wie sich herausstellt haben die Tore der Stadt bestimmte Schutzrunen, die ein Untoter nicht bezwingen kann. Also sind alle Feinde hinter der zweiten Mauer sicher. Später müssen sich die Untoten dann wieder verstecken, weil die Sonne aufging. Etwas wo ich mir denke: "Hey, das ist doch ziemlich unerwartet. Nach zwölf Stunden Dunkelheit kommt die Sonne einfach so hervor und zwingt uns dazu den Kampf einzustellen. Wer hätte das gedacht, dass unsere Schwachstelle wichtig für den Kampf sein könnte." Später schafft Reuben es natürlich die Mauer zu überwinden und tötet das Oberhaupt der Rasse. Er selbst stirbt dabei auch, findet sich erneut im Limbus wieder, nur mit der Ausnahme, dass es diesmal nur der Kopf ist. Es scheint, dass er seine Rache bekommen hat. Er hat es diesen Barbaren wirklich gezeigt, wie man ausgelöscht wird - NICHT! Er will einen Genozid vollziehen und soll sich dann damit begnügen, dass einfach nur die politische Führungsebene tot ist plus etliche andere, aber der Großteil des Volkes lebt einfach fröhlich weiter, ohne dass es irgendetwas gebracht hat?
Kurz zusammengefasst: Dieser Untote stolpert mehr durch die Handlung und gewinnt eher durch Glück als durch sein Können. Und er ändert nie etwas an dieser Situation. Das meiste sind entweder Zufälle oder göttliches Geschick, das ihn leitet. Das größte Wunder für mich ist, dass der Typ nur eine einzige Operation als Erzmagier vergeigt hat. Mich wundert es stark, dass er überhaupt etwas richtig gemacht hat. Er stellt sich einfach nur dumm an bei allem was er tut.
Das wohl größte Problem für das Buch dürfte sein, dass ich bereits ein Jahr zuvor eine Anime-Serie mit einem ganz ähnlichen Plot gesehen habe. In Overlord verwandelt sich ein Videospieler in seine Spielfigur und regiert darauf über mehrere NPCs, die inzwischen einen eigenen Willen haben und ihm treu ergeben sind. Zunächst einmal versucht er seine Situation zu verstehen und stellt fest, dass allesamt in eine unbekannte Welt gelangt waren, die aber nach ähnlichen Regeln wie in dem Spiel unterworfen sind. Als Magier kann er kein Schwert benutzen, außer er hat die richtige Ausrüstung. Als nächstes setzt er sich das Ziel die Welt zu erobern, aber dafür muss er zunächst wissen, womit sie es zu tun haben. Und genau darum geht es eigentlich in der gesamten Serie. Sie sammeln Infos und finden sich in der neuen Welt zurecht. Welche Länder gibt es? Wie sind ihre Beziehungen? Wie stark sind die Menschen und die Magie dort?, etc. etc. Und was macht der Spieler darauf? Er baut sich ein Doppelleben auf. Auf der einen Seite ist er ein böser Skelletmagier im Hintergrund, der seine Lakaien befehligt, auf der anderen Seite versucht er sich als Abenteurer einen Ruf aufzubauen, um politischen Einfluss zu gewinnen und damit schneller an bessere Informationen heranzukommen. Nichts was dieser Protagonist tut ist willkürlich. Alles hat bei ihm Hand und Fuß. Ihm könnte ich Reubens Verhalten eher zutrauen, weil ziemlich schnell klar wird, dass der Spieler die wohl mächtigste Person der Welt ist. Die meisten können dort nur Magie bis Level sieben wirken, während er selbst deutlich höhere Stufen beherrscht und seine Figur schon zuvor vollkommen ausgeskillt war. Aber dennoch bleibt dieser Kerl vorsichtig und tut nichts unüberlegtes. Er geht geringe Risiken ein und gewinnt dadurch immer mehr Erfahrungen und Infos über die neue Welt, während er andere im Dunkel tappen lässt. Seine Fähigkeiten als Stratege kommen besonders gut im Staffelfinale zum Ausdruck, wenn er sich in einem Zweikampf mit einem ebenbürtigen (vermutlich sogar überlegenen) Gegner misst. Dort hat er von Anfang an einen Plan und versucht das Verhalten seines Gegners vorauszuahnen und ihn mit Falschinformationen zu füttern.
Es gibt zwei Dinge, wo ich mir vorstellen könnte warum Reuben so dämlich ist und sein volles Potenzial nicht entfaltet. Die eine Möglichkeit wäre, dass der Autor einfach keine Ahnung hat. Mangelndes Talent sollte man immer als Möglichkeit in Betracht ziehen. Die andere wäre, dass seine Gegner dann keine Chance mehr gegen ihn hätten, wenn er sich schlau anstellen würde. Denn diese Krieger sind ungefähr mit den Assis auf RTL zu vergleichen. Nicht besonders helle, streitlustig und sie stehen Evolutionär irgendwo zwischen Tier und Mensch. Dass sie als unorganisierter Haufen ein höher entwickeltes Land überrennen können, verstehe ich noch, aber nicht wie diese Vollpfosten es halten können. Alles was sie können ist erobern und unterdrücken, ansonsten führen sie sich wie der schlimmste Pöbel auf. Absolut alles was außerhalb der von mir vorher genannten Punkte ist, wie etwa Landwirtschaft, wird in erster Linie von Sklaven verrichtet. Aber auf diese Weise lässt sich kein Imperium halten. Die Abhängigkeit von den Sklaven ist zu groß und die Typen selbst sind nicht schlau genug um das Land zu erhalten. Ihre sozialen Kompetenzen beruhen in erster Linie auf Gewalt, sowohl bei Sklaven als auch untereinander. Es ist ungefähr damit vergleichbar, dass die alten Germanen das römische Imperium erobern und es dann einfach halten. Bloß mit dem Unterschied, dass die Germanen sozial weiterentwickelt waren, als die Kerle im Buch. Sollte somit jemand mit einer Untotenarmee und einer guten Taktik dort an den Toren stehen, wären sie hoffnungslos verloren.
Ich kann jeden nur dazu anhalten sich bei der Defensivkraft der Figuren Mühe zu geben. Es gibt nichts geileres als die Kräfteverhältnisse auszubalancieren, insbesondere wenn man den Grips ein wenig nutzt und bei Herangehensweise um die Ecke denkt.
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EINsamer wANDERER
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